Wangener Kreis

Goethe, Eichendorff et al. im Notgeldzeitalter

Mit dem Kriegsbeginn 1914 gingen in Deutschland auch die ersten Notgeldausgaben, eine Art Ersatzgeld, einher. Neben den offiziellen Münzen und Banknoten der Berliner Reichsbank, besaß jede Stadt, aber auch viele Kommunen oder Firmen, ihr eigenes Geld, das jedoch nur vor Ort Gültigkeit hatte. Die Notgeldepoche dauerte bis 1924, wobei sie unterschiedliche Phasen erlebte und jeweils unterschiedliche Entstehungsgründe hatte.

Zunächst entstand Anfang August 1914 ein akuter Mangel an mittleren Nominalen (1 bis 10 Mark), weil zu Kriegsbeginn alle Silbermünzen in den Stadtkassen oder im „Sparstrumpf“ der Bürger verschwanden. Während des Krieges begann auch das Kleingeld rar zu werden, weil Münzen, z.B. aus Nickel oder Kupfer, nach der Einschmelzung einen höheren Wert besaßen, als die Nominale selbst.

Die ersten Notgeldausgaben hatten zumeist ein schlichtes Aussehen, doch mit der Zeit schlichen sich mehrfarbige Motive und sogar bunte Bilder auf die Notgeldscheine ein. Die Herausgeber der Ersatzscheine stellten immer häufiger fest, dass viele Scheine nicht eingelöst wurden, und das bedeutete zusätzliche Geldeinnahmen in die Stadt- und Gemeindekassen. Die Sammellust der Bürger wurde zusehends durch die Herausgabe ganzer Serien von bunten Scheinen gesteigert. Die häufigsten Motive dieser „Serienscheine“ waren Stadtansichten sowie Begebenheiten und Sagen aus der eigenen Regionalgeschichte.

1922 wurde das Drucken von Serienscheinen verboten, doch wenige Wochen später kam es zu einer Inflationswelle in Deutschland, die das Drucken des Ersatzgeldes, diesmal in größeren Nominalen, wieder notwendig machte. Im Sommer 1923 kam es zu einer galoppierenden Inflation – gedruckt wurden nun Nominale in Milliarden- und Billionenhöhe. Im November 1923 konnte die Währung stabilisiert werden (Deckung durch Gold oder Bindung an den Dollar: 4,2 Billionen Reichsmark = 1 Dollar). Es kam zur Herausgabe vom Wertbeständigen Notgeld (Goldpfennige und Goldmark). Mit der Herausgabe neuer Reichsmarkwährung, der sog. Rentenmark wurde die Geldeinheit und das staatliche Hoheitsrecht bei Herausgabe vom Zahlungsmittel wieder hergestellt und das Notgeldzeitalter war damit beendet.

Das Sammeln von Notgeld war in den 20-er Jahren beliebter als das Briefmarkensammeln. Viele verbanden mit Notgeld jedoch v.a. die Zeit der Hochinflation, denn so mancher verlor dadurch sein Vermögen. Für die Verlage beispielsweise war das die Zeit des Stillstandes. Auch die Schriftsteller litten unter der permanenten Geldentwertung – der Briefwechsel zwischen Arthur Silbergleit und Paul Mühsam aus jener Zeit belegt dies eindrucksvoll. Eine Ausnahme war "Ein Herr aus Bolatitz", der aus dem Notgeldchaos einen beneidenswerten Nutzen ziehen konnte – mehr noch: Der Inflationszeit verdankte August Scholtis einen phänomenalen finanziellen Aufstieg, der ihm erlaubte, den Schriftstellerberuf zu ergreifen.

Heute haben die Notgeldscheine, nicht selten kleine Kunstwerke, nichts von ihrem Zauber verloren. Vielmehr sind sie ein wichtiges Zeitdokument und bringen so Manches in Erinnerung, wie etwa die "Seydlitz Späße" in Ohlau (Theodor Fontane), die „Zwölf Aposteln“ in Kreuzburg oder Hugo Ulbrichs Radierungen der Schneekoppe. Auch zum Schmunzeln bringen uns so manche Notgeldmotive, ob mit einer Rübezahlsage oder durch misslungene Interpretationen von Eichendorffgedichten. Im Notgeldzeitalter musste Goethe übrigens eine empfindliche Niederlage einstecken - diesmal nicht von Ulrike von Levetzow, sondern von Fritz Reuter zugefügt...

 

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